Die Verantwortlichen schulden Deutschland das Opfer ihrer Zweifel

– Aus „Die Wohlgesinnten“ von Jonathan Littell –

 

Es ist nicht die Frage, ob wir es schaffen oder ob wir es können. Natürlich schaffen wir es, wenn wir es wollen und selbst wenn der Flüchtlingsstrom noch einige Jahre anhielte. Registrierung, Unterbringung, Sprachaneignung und Beschäftigung sind eher technische Fragen wenn eine ausreichende Mehrheit der derzeitigen deutschen Bevölkerung es unterstützt. Ein paar der Angekommenen werden durch das Raster fallen, kriminell werden, einen Anschlag begehen oder Parallelgesellschaften bilden. Aber es würde die Staatlichkeit Deutschlands nicht gefährden.

Und natürlich gäbe es legitime Maßnahmen, die Deutschland ergreifen könnte, um den Flüchtlingsstrom nach Deutschland zu minimieren, ohne gegen die Menschenrechte und die Gebote der Humanität zu verstoßen und gleichzeitig den Flüchtlingen zu helfen. Viele europäische Staaten führen uns dies inzwischen vor. Dies sind ganz offensichtliche Zusammenhänge, für die es eigentlich eines Kommentars in der FAZ oder eines polternden Auftritts Herrn Seehofer nicht bedurft hätte.

Die wesentliche Frage ist deshalb eine andere. Wollen wir es? Wollen die anderen europäischen Völker es? Jaroslav Kaczynski und Viktor Orban sind mir nicht sonderlich sympathisch. Nicht wegen ihrer allgemeingesellschaftlichen Einstellungen aber wegen ihrer Einstellung zur Freiheit. Aber das zählt im Moment nicht. Man kann meinen, dass beide die Verkörperung der Leitkultur eines christlichen Abendlandes wie unter Strauss, Kiechle und Zimmermann, sind. Man kann sich darüber echauffieren, wenn ein polnischer Außenminister einen neuen Mix von Kulturen und Rassen, eine Welt aus Radfahrern und Vegetariern ablehnt.

Was bleibt ist, dass es in Europa und der EU nach wie vor Völker gibt, die ihre Nationalstaatlichkeit auf atavistische Fundamente und nicht auf einen wie auch immer gearteten Verfassungspatriotismus aufbauen wollen. Diese Völker sind bereit ihr Sittengesetz und die christlichen Grundlagen ihrer Staatlichkeit gegen andere zu behaupten und dafür wesentliche Opfer zu bringen. Wer dies nicht verstehen will, sollte es zumindest zur Kenntnis nehmen. Ansonsten könnte es gefährlich werden. Wobei die deutsche politische Klasse in ihrer links-liberalen Selbstbezogenheit nicht vergessen sollte, dass noch andere Länder wie Großbritannien aus eher praktischen Überlegungen eine rein humanitäre Einwanderungs-und Flüchtlingspolitik ablehnen.

Wie sieht es nun in Deutschland aus? Noch will es wohl eine Mehrheit. Noch werden die Zweifel geopfert. Aber es besteht eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass diese Mehrheit auf einem blinden ideologischen Zukunftsglauben beruht. Frau Merkel scheint zu glauben, dass die Geschichte ihr auch diesmal wieder entgegenkommt und dass uns die Zukunft automatisch, so wir denn Kurs halten, von den Sünden der Vergangenheit erlöst anstatt sie zu wiederholen. Ein naiver Gedanke. Insbesondere für eine ehemalige DDR-Bürgerin.

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