The Major: Strange creatures, women. I knew one once… striking-looking girl… tall, you know… father was a banker.
Basil: Really?
The Major: Don’t remember the name of the bank.
Basil: Nevermind.
The Major: I must have been rather keen on her because I took her to see… India!
Basil: India?
The Major: At the Oval… fine match, marvellous finish…

– Fawlty Towers – The Germans –

Zunächst bitte ich um Entschuldigung.  Die durch meinen oligarchischen Arbeitgeber induzierte Entsendung nach Indien hatte sowohl eine Schreibhemmung als auch einen permanenten Zeitmangel zur Folge. Riesenkakerlaken, allgemeiner Familienfrust im diesjährigen besonderes intensiven Monsun gepaart mit bettelnden Kinder, vergammelten aber exorbitant teuren Wohnungen und unfähigen Handwerkern spielten dabei eine nicht unwesentliche Rollen. Aber inzwischen geht es. Und während einmal mehr das europäische und das amerikanische Imperium ihre jeweilige Version des Dauernotstands zelebrieren, drängt sich mir an Mahatma Gandhis Geburtstag eine ganz eigene Feststellung auf. Indien hat mehr europäische Eigenschaften als man denkt.

Wie auch die heutige Europäische Union ist Indien von seinem Ursprung her eine Vereinigung von Staaten, nationalen Lebensweisen und regionalen Charakteren. Das Niveau der Zuneigung zueinander in diesem Bund ist eher beschränkt, und es existieren große Unterschiede in der Qualität der Regierung, des Produktivitätsniveaus und an glücklicher historischer Fügung. Indien hat wie Europa eine nicht unwesentliche muslimische Minderheit, die hin und wieder Ärger macht. Im einem wie im anderen  erstarken politische Strömungen, die im Gegensatz zum Islam und zum politischen Establishment stehen und zumindest in den westlichen Medien als populistisch bezeichnet werden.  Wenn auch auf unterschiedlichen Niveaus so wird der zugrundeliegende Konflikte in der Regel ökonomisch befriedigt. Aus historischer Sicht bleibt natürlich der Unterschied, dass Indien über Jahrhunderte muslimisch beherrscht wurde. Ein Schicksal, von dem der größte Teil Europas verschont blieb.

Beide sind gefangen in ihrer einheitlichen Währung.  Diese Gefangenschaft wird durch aktuelle multiple Krisen umso deutlicher, die Aspekte einer Staatsschuldenkrise, einer Bankenkrise und einer Wirtschaftskrise aufweisen.  Die Ineffizienten und die Verantwortungslosen werden durch die Arbeitssamen und Verantwortungsbewussten, die auch noch den freien Zuzug von Migranten aus den armen Staaten tolerieren müssen, subventioniert und alimentiert. Hier verbleibt uns Europäern noch ein kleiner Trost. Noch müssen wir nicht so tun, als wären wir eine Nation. Wenn auch der Weg dahin nach Meinung der europäischen Eliten, wenn überhaupt, nur kurz unterbrochen ist.

Folgte man dieser Logik so müsste man sich auch in Europa irgendwann Gedanken über eine nationale Sprache machen. Würden die Eurokraten dann in den sauren Apfel beißen und das Englische auswählen? Alternativen gäbe es wohl keine, denn bereits heute ist die elitäre europäische Öffentlichkeit zu 100 % englischsprachig. Wie auch in Indien. Die lokalen Sprachen dienen vor allem dazu, Hausangestellten und sonstigen Angehörigen unterer Klassen Befehle zu geben, und den kurzsichtigen politischen Dialog mit dem zahlenmäßig dominierenden, verarmten Elektorat zu pflegen.

Mumbai ist das Deutschland Indiens. Mehr als ein Drittel des indischen Einkommenssteueraufkommens, mehr als die Hälfte der indischen Unternehmenssteuern und ein Viertel der indischen Industrieproduktion gehen auf sein Konto. Bereits seit langem beschwert sich die Stadt, die Last der Notleidenden tragen zu müssen und dafür keine Gegenleistung zu erhalten.  Mumbai hat eine drittklassige Infrastruktur, nur ein Drittel der Straßenfläche Delhis und einen vollkommen veralteten öffentlichen Nahverkehr. Ein Brückenzug, der Bandra-Worli Sea Link verbindet seit 2009 den Süden und den Nord-Westen Mumbais. Von lokalen Politikern gepriesen, löst dieses Bauwerk im asiatischen Kontext nur ein müdes Lächeln aus. 240 Million US$ hat es am Ende gekostet, wobei ein Großteil für exorbitante Zinszahlungen an im Familienbesitz befindliche Banken draufging. Und indirekt bin auch ich davon betroffen. Mein Vermieter war Geschäftsführer des Baukonsortiums, was nicht unbedeutend dazu beigetragen haben sollte, dass er nun zahlreiche, leider nur nach lokalem Standard Luxuswohnungen an frustrierte Expats vermieten kann. In Mumbai sind die Mieten für solche Wohnungen höher als in Moskau.

Und obwohl Mumbai verfällt und verrottet kommen täglich hunderte Migranten in die Stadt. Die meisten von Ihnen aus den beiden nördlichen Staaten Uttar Pradesh und Bihar, über Jahrzehnte die ärmsten, korruptesten und instabilsten Bundesstaaten Indiens. Der Groll und die Abneigung gegenüber den Migranten hat in Mumbai fremdenfeindliche politische Bewegung hervorgebracht mit der Partei Maharashtra Navnirman Sena als Speerspitze. Wenn auch die Schlägertrupps dieser Partei heute deutlich inaktiver sind als vor wenigen Jahren, so wird dennoch regelmäßig vor Wahlen der eine oder andere zugewanderte Taxifahrer oder Straßenhändler zusammenschlagen.

Letztendlich ist das Deutschland Indiens natürlich keine geographische Einheit sondern eine Einstellung, die insbesondere von der Mittelklasse Indiens in berechtigter Empörung getragen wird.  Die städtische, in der Privatwirtschaft tätige Wirtschaftselite, hochgebildete Fachleute und indische Expats bekommen als Gegenleistung für ihren Unternehmungsgeist, ihre Steuern und ihre Dollarüberweisungen nur inkompetente und korrupte Regierungen, populistische Gesetze und eine schwarzafrikanische Infrastruktur.

Neben dem korrupten Beamtenapparat und einigen aber nicht allen Unternehmerfamilien sind vor allem die reichen Landwirte die Griechen Indiens. Sie profitieren von einer geradezu skurrilen politischen Patronage, zahlen kaum Steuern und verkaufen ihre Produkte zu überhöhten Preisen an die Regierung, die diese wiederum zu Niedrigstpreisen an die Armen verteilt. Ein Instrument zur Bereicherung der staatlichen Elite ist offenbar auch der Mahatma Gandhi National Rural Employment Guarantee Act (MGNREGA). Zahlreiche  MGNREGA-Berechtigungskarten, die eine jährliche Mindestbeschäftigungsdauer von 100 Arbeitstagen und einen Mindestlohn garantieren,  werden offenbar auf die Namen von Staatsbedienstete und Leute, die  davon gar nichts wissen, ausgestellt, während andere die Löhne kassieren, ohne dass Arbeit geleistet wird.

Man stelle sich vor, die Griechen würden die Wirtschaftspolitik in Europa bestimmen. In Indien ist dies Dank der repräsentativen Demokratie gepaart mit weit verbreiteter Armut die bitte Realität. Und hier endet auch die Vergleichbarkeit Indiens mit der Europäischen Union. Zumindest solange die EU in der Lage ist, die sozialen Konfliktherde auf herkömmliche Art und Weise zu befrieden.

In einer mittellosen Demokratie gelten nun einmal andere Regeln. Und traditionell sind in der indischen Politik Schnellschüsse zur vermeintlichen Armutsreduktion ein beliebtes und erfolgversprechendes Mittel zum Machterhalt. Es ist eine Symbiose der Kurzsichtigkeit, die nun schon sehr lange funktioniert. Denn wie schon seit Jahrzehnten nehmen die Bedürftigen in der Hoffnung auf kurzfristige Wohltaten voller Enthusiasmus an den Wahlen teil und wählen ihre jeweiligen lokalen Führer an die Macht. Diese bilden die mittelmäßige und moralisch zweifelhafte politische Klasse, die von der Mittelschicht so sehr verachtet wird.

Und trotz allem, die indische nationale Identität ist heute wohl stärker als jemals zuvor, gerade auch in der Mittelklasse. Das einige Indien ist ein erstrebenswertes Ideal für fast jeden Inder. Und hier liegt die tragische Diagnose für jeden, der noch an ein Europa der Vaterländer glaubt. Eine Nation wie Indien, multiethnisch und durch extreme ökonomische und soziale Gegensätze gekennzeichnet, wird nicht durch die Rechtschaffenheit seiner Bürger zusammengehalten. Zeit und Gewohnheit sind vollkommen ausreichend. Und so ist zu befürchten, dass auch die Europäische Union einer arrangierten indischen Ehe ähnlich ist. Sie wird stärker über die Zeit, insbesondere dann, wenn die Scheidung als undenkbar wahrgenommen wird. So kann wohl auch die europäische Elite darauf hoffen, dass ihr Projekt nicht auseinanderfällt, selbst wenn es ökonomisch scheitert. Leider!

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