Die große Frage der Gerechtigkeit. Gerade kocht sie wieder hoch. Was ist Gerechtigkeit? Das jeder das kriegt was er verdient oder das jeder das gleiche kriegt. Derzeit scheinen es viele wieder klassisch und wohltemperiert mit John Rawls zu halten, der meinte dass Ungleichheiten nur dann gerechtfertigt sind, wenn sie auch zum Nutzen der am schlechtesten Gestellten in der Gesellschaft sind. Nur hängt diese Nützlichkeit eben auch davon ab, wie sich diese am schlechtesten Gestellten verhalten. So mancher meinte, dass wenn die Grundbedürfnisse befriedigt sind, der Mensch automatisch seine Freiheit als oberstes Prinzip zu verteidigen bereit ist. Daraus ist aber leider nichts geworden, weshalb man auf die Volkspädagogik zurückgreift. Der Paternalismus, jetzt auch gern in seiner libertären Form, feiert allerorten fröhlich Urständ.

Oder könnte es sein, dass sich einfach Einstellungen verändert haben? Das sich die Moralität des Aufstiegs an der Befriedigung der Grundbedürfnisse übersättigt, wenn nicht gar totgefressen hat? Stolz, aufstiegswillig und bildungshungrig. Das war früher die Unterschicht, die Klientel der SPD. Nichts davon findet sich heute wieder. Die neue Unterschicht will Freizeit, Spaß, Unterhaltung, Ablenkung und bewundert den manipulierten Körper. Ein Leben in Traumwelten. Wer aus der Unterschicht will eigentlich noch aufsteigen?

Eigene Erfahrung. Ein bis zwei Monate im Jahr halte ich mich in Deutschland auf. Und dann dort, wo es im Moment so richtig den Bach runter geht. Nein nicht Berlin. Südöstliches Niedersachsen, nordhessisches Bergland. Vor 30 Jahren gab es dort Männer, die einer untergeordneten Tätigkeit nachgingen, aber auf diese Weise Frau und Kinder ernährt und etwas Authentisches und Wichtiges mit ihrem Leben anfingen. Diese Männer haben eine tiefe Befriedigung daraus erfahren und wurden in der Gemeinde geachtet. Die Söhne dieser Männer leben heute in einem System, das die Kinder der Frauen, mit denen sie schlafen, versorgt, egal ob sie ihren Beitrag leisten oder nicht. Den Status ihrer Väter haben diese Söhne verloren.

Ich beschreibe hier keine theoretischen Zusammenhänge, sondern etwas was ich selbst an einer großen Zahl meiner Schulfreunde beobachte. Früher hatte man trotz einer untergeordneten und schlecht bezahlten Tätigkeit einen Status in der Gemeinschaft. Heute hat man es nicht mehr und will es auch gar nicht mehr haben. Wer die Mühe und die Schwierigkeit aus dem Leben der Menschen entfernt, beraubt diese vieler Möglichkeiten auf ihr Leben zurückzuschauen und zu sagen: “Ich habe etwas bewegt und erreicht.”

Übrigens auch interessant, warum mein Beispiel die Männer betrifft. Die Frauen haben sich eher davon gemacht und leben nun, oft kinderlos aber wirtschaftlich nicht unerfolgreich, in der nächstgrößeren Stadt. Und noch ein nicht unwesentlicher Zusammenhang. Die Alimentation des Staates gibt heute den Männern aller Schichten die wirtschaftliche Freiheit, unverantwortlich bei der Kinderzeugung zu handeln. Früher hatte diese Möglichkeit nur der wohlhabende Mann, soweit er denn die Moral beiseite gelassen hat.

Es hat sich so einiges bewegt in dieser Gesellschaft. Von der Ethik des Aufstiegs zum ethischen Solipsismus. Nicht nur in der Unterschicht. Eine attraktive und produktive Gesellschaft kann auf dieser Grundlage kaum dauerhaft bestehen.