„Lausige Amateure, untalentierte Käsekacker, Hängeohren, strohdumme Holzköpfe, Knalltüten, Schwachköpfe und Mollusken, Fiepsköter“

– Egon Olsen –

Christian Wulffs zweifelhaftes Verhältnis zur Wahrheit lässt sich aus dem einen oder anderen Blickwinkel beleuchten. Man kann der Meinung sein, dass sein Verhalten im politischen Betrieb nicht unüblich ist und dass wir inzwischen zu hohe moralische Maßstäbe an unsere Politiker anlegen. Und man kann andererseits mit guten Gründen darlegen, dass seine Anbiederung und seine Verbrüderung mit gewissen Kreisen der niedersächsischen Landeshauptstadt und des deutschen Filmgeschäfts anrüchig und letztendlich strafrechtlich relevant ist.

Und auch wenn die Diskussion inzwischen entschieden scheint und sich kaum noch ein Verteidiger unseres neuesten Altbundespräsidenten findet, so blieb doch leider ein wesentlicher Aspekt der Causa Wulff bisher unberücksichtigt. Und das ist seine offensichtliche Dummheit. Bereits an anderer Stelle hatte ich auf die durch meinen Großvater mütterlicherseits diagnostizierte Dummheit der Deutschen zu Zeiten des Nationalsozialismus hingewiesen. Es war die Dummheit des Mitläufers, des Kleinkriminellen am großen Ding mitzuwirken, seinen gerechtfertigten Anteil an der Beute einzusacken und dabei ungeschorenen davonzukommen.

Die geistige Mittelmäßigkeit eines Christian Wulff äußert sich nun darin, dass er nicht in der Lage war, die politischen Realitäten der heutigen Zeit zu durchschauen. Blicken wir zurück. Ein Reichspräsident von Hindenburg konnte noch mehr oder weniger offen käuflich sein und sein hoch verschuldetes Gut durch Zuwendungen reicher Industrieller retten lassen. Kein Problem in der Weimarer Republik. Die Öffentlichkeit war wahrscheinlich schlimmeres gewöhnt und konservativer Korpsgeist funktionierte noch. Und woran ein von Hindenburg letztendlich gescheitert ist, hatte zumindest eine weltgeschichtliche Dimension. Einen der größten Massenmörder aller Zeiten zum Deutschen Reichskanzler zu ernennen, schafft schließlich nicht jeder.

Und woran scheitert ein Herr Wulff? Er lässt sich relativ armselige Urlaube und Hotelaufenthalte sowie einen Hauskredit für ein mittelmässiges Einfamilienhaus in Großburgwedel durch industrielle Gönner finanzieren. Die offensichtliche Zweifelhaftigkeit dieser Zuwendungen negiert er, und er ist auch nicht in der Lage seine eigene moralische Armseligkeit zu realisieren. Nimmt man die von ihm in der Vergangenheit formulierten Ansprüche an den politischen Betrieb als Maßstab, so wirkt dies umso merkwürdiger. Dummdreistigkeit in Vollendung.

Christian Wulff stand an der Spitze des politischen Prekariats (lat. precarium = ein bittweises, auf Widerruf gewährtes Besitzverhältnis) Niedersachsens, gleich darauf folgt ein Sigmar Gabriel. Niedersächsische Politiker haben sich selten als Intellektuelle ausgezeichnet. Aber eigen waren ihnen in der Regel eine ausreichende Bauerschläue und ein entsprechender politischer Instinkt. Herrn Wulff ging beides ab. Gut, dass er weg ist. Nun aber haben wir demnächst zwei ostdeutsche Protestanten an der Spitze Deutschlands. Findet man dies schlimm, so könnte der man auf den Instinkt Adenauers bei der Hauptstadtwahl für Bonn verweisen. Ist man eher man entspannt, so kann man wenigstens auf folgendes hoffen. Ein Herrn Gauck wird, wenn er denn scheitert, an etwas größerem, an etwas wesentlichen scheitern als Herr Wulff. Ein Paul von Hindenburg kann dann selbstverständlich kein Maßstab sein.