„Wladislaw Surkow (Anmerkung des Autors: Derzeit stellvertretender Leiter der russischen Präsidialverwaltung) sagte, dass Putin ohnehin kein enges Verhältnis zur Partei Einiges Russland habe. Ja was ist denn dann ein enges Verhältnis? Sex?“

Ein Kommentator im oppositionellen Radiosender Echo Moskwy (Эхо Москвы, dt. Echo Moskaus) am Mittwochmorgen

 

Wie auch immer es ausgeht. Nach nun fast drei Jahren Aufenthalt in Moskau ist die heutige Demonstration gegen die Fälschung der vergangenen Duma-Wahlen wohl ein würdiger Anlass für einen ersten Beitrag zu Russland. Um mich einzustimmen, klickte ich mich zunächst durch die etablierten deutschen Internet-Medien. Was immer wieder und auch heute auffällt, sind die Putin-Unterstützer auf Welt-Online. Wem jedoch nichts anderes einfällt, als auf antirussische Gleichgeschaltete und die CIA zu verweisen, zeigt lediglich die eigene Ratlosigkeit. Was die Vergangenheit und die allgemeine Passivität der russischen Bevölkerung betrifft, so möchte ich nicht unbedingt von Putin-Müdigkeit sprechen. Es war eher eine Putin-Gleichgültigkeit.

In der Tat hat sich aber in den letzten Tagen die Stimmung geändert. Bei der Arbeit, im Restaurant oder im Taxi, überall spricht man über die offensichtlichen Wahlfälschungen und die Arroganz der herrschenden politischen Klasse. Wie groß der Stimmungsumschwung ist und welche Mittel das herrschende Regime bereit ist einzusetzen, werden die derzeitigen Demonstrationen zeigen. Eines ist jedoch klar. Durch die offensichtlichen Wahlfälschungen fühlt sich ein Großteil der städtischen russischen Bevölkerung betrogen und, um es deutlich zu sagen, verarscht. Selbst wenn es gut läuft für Putin. Der Riss der Entfremdung ist kaum zu kitten.

Einen interessanten Aspekt zeigen bereits die russischsprachigen Liveticker. Die Demonstranten gehören den unterschiedlichsten politischen Lagern an. Was sie eint ist die Ablehnung Putins, Medwedews und ihrer Entourage. Gefährlich könnte es werden, wenn diese später aneinander geraten. Vom herrschenden Regime herbeigeführte, gesteuerte Provokationen haben eine lange Tradition in Russland. Bekannte von mir sagten, sie würden aus zwei Gründen an der heutigen Demonstration in Moskau teilnehmen. Erstens weil sie fühlen, dass es einen geschichtlichen Moment geben könnte, an dem nicht teilzunehmen, nicht zuletzt moralisch verwerflich wäre. Und zweitens, weil viele ihrer Freunde dorthin gingen.

Was ist also neu? Es ist das Gefühl einer gemeinsamen Sache. Und dieses Gefühl existierte seit langem nicht mehr in Russland. Insofern hat das Verhalten Putins und der ihm nahestehenden Kreise in den letzten Monaten eine enorme Veränderung bewirkt. Die Leute mussten sich entscheiden, entweder Putin oder Gemeinsamkeit. Entweder Stillstand und Rückschritt oder eine kollektive und konzertierte Aktion. Zumindest bis Putin entfernt worden ist.

Nun mag so mancher einwenden, es ist nur eine Minderheit. Wobei derjenige sich in trauter Gemeinsamkeit mit Pro-Kreml-Politologen befindet, denen nichts anderes einfällt als darauf zu verweisen, dass 70 % der Bevölkerung Dagestans und mehr als 90 % der Tschetschenen Putin unterstützen. Aber auch aus einem anderen Grund überzeugt dies wenig. In Russland waren es immer, mehr noch als in anderen Ländern, die aktiven und kreativen Minderheiten, die Veränderungen bewirkt haben. Die Größe und der Einfluss dieser Minderheiten hat in den letzten Monaten deutlich zugenommen. Die nächsten Monate werden zeigen, ob es zum Machtwechsel ausreicht. Im Moment sollen es 100’000 Protestierer auf Moskaus Strassen sein. Und dies nur 15 Kilometer Luftlinie von mir entfernt. Sollte es diesmal friedlich bleiben, werde ich nächstes Mal mit vor Ort sein.

Und noch ein kleiner Hinweis zum Schluss. Echo Moskwy gehört zu zwei Dritteln Gazprom Media. Es bleibt also unübersichtlich.