Das Anhängen an paranoiden Verschwörungstheorien war immer ein Zeichen des gesellschaftlichen Verfalls. Bei den Rechten und Konservativen spannt sich der Bogen von der Dolchstosslegende in Deutschland, über den Judenhass, die angebliche Macht der Bilderberger bis zum Oklahoma City Bombing. Linkes paranoides Denken findet sich bereits in der französischen Revolution, ist ein wesentliches Charakteristikum der frühen Sowjetunion und lebt in Hugo Chavez weiter. Verquere Verdrehungen der Wirklichkeit ohne Nachprüfbarkeit. Gewinnen sie die Oberhand, werden Kritiker zu Feinden, Weggefährten zu Konkurrenten und all die Außenseiter werden irrelevant und zur wertlosen Masse.

Vergangene Woche war ich seit langer Zeit mal wieder in Frankreich. Und was konnte man nicht alles hören und lesen von der progressiven, französischen Linken, nachdem Dominique Strauss-Kahn am 14. Mai unter anderem wegen des Verdachts der versuchten Vergewaltigung und Freiheitsberaubung verhaftet wurde. Als ob die Dramatik und der außerordentliche Charakter der Affäre alle Dämme der Rationalität und des gesunden Menschenverstandes brechen ließ.

Die Theorie einer Intrige gegen Strauss-Kahn breitete sich insbesondere im Internet wie ein Lauffeuer aus. Phantasien ohne Grenzen und die absurdesten Spekulationen wurden konstruiert. Der CIA, das FBI, Rivalen im IWF, die international Großfinanz, geheime Zirkel im Umfeld des französischen Präsidenten oder Konkurrenten aus der sozialistischen Partei. Alles schien möglich, alle kamen als Verschwörer in Frage. Und auch das gesamte, Strauss-Kahn nahestehende politische Umfeld sprach zumindest von einer „Falle“ oder von „Manipulation“. Eine Umfrage des Instituts CSA am 16. Mai ergab, dass 57 % aller Befragten und 70 % der der Linken nahestehenden Befragten glauben, Dominique Strauss-Kahn sei das „Opfer eines Komplotts“.

Nun ist die Verwicklung eines der mächtigsten Männer der Welt in ein Sexualverbrechen sicherlich nicht alltägliches. Aber erklärt sie den Verlust jedweder Vorsicht, jedes Maßes und jedweder Besonnenheit? Vergöttert eine französische Linke ihre Protagonisten so sehr, dass Verfehlungen und Verbrechen entweder ignoriert oder klein geredet werden? Bejahte man diese Fragen, so müsste man zugeben, dass die Missachtung der Justiz demokratischer Staaten in allen Ecken der Gesellschaft inzwischen ein unakzeptables Maß erreicht hat. Dann ist es an der Zeit sich einzugestehen, dass die traditionellen Medien den Kampf gegen die Übertreibungen und Hirngespinste des Internet verloren haben. Und dann sollte man den 11. September 2001 auch als Beginn eines neuen Aberglaubens, auch Konspirationismus genannt, begreifen.

Eine besondere Note hat der Fall Strauss-Kahn noch. Er steht in einer linken Tradition des Kleinredens von Sexualdelikten. Von Stalin, Andreas Bader, über Cohn-Bendit, Polanski, Bill Clinton bis zu Julian Assange und nun Strauss-Kahn. Ironie der Geschichte anhand der beiden letztgenannten, dass nun gerade die sanfte Revolution des Feminismus und der Political Correctness ihre Kinder frisst. Doch machen wir uns nichts vor. Der Fall zu Guttenberg zeugt von ähnlichen Mechanismen im deutschen Konservatismus. Weshalb Wachsamkeit gefragt ist. Verschwörungsideologien waren und sind die Vorstufen des Rückzugs der Demokratie und des Totalitarismus. Weshalb der Straflosigkeit politischer und gesellschaftlicher Führungsfiguren immer und überall zu widersprechen ist.