Es sind wohl zwei wesentliche Gesetze unserer Zeit. Eine simple Kultur schafft ein plumpes und dummes Volk. Und private Kultiviertheit kann öffentlicher Maßlosigkeit nicht lange widerstehen. Beides funktioniert nach dem Prinzip des sogenannten Sperrklinkeneffekts. Demnach ist Bewegung nur in einer Richtung möglich, immer nach vorn. Auch wenn dies nur zu einem fiktivem Fortschritt führt.

Neuestes Symptom dieser Gesetzmäßigkeiten, das inflationäre Auftreten von Tabuthemen. Sie sind allgegenwärtig. Wo auch immer, wann auch immer, die Konfrontation mit ihnen nimmt kein Ende: Tabuthema Intimchirurgie, Tabuthema Sterben und alles was dazu gehört, Tabuthema Depression, Tabuthema Sucht bei Alten, Tabuthema Schmerztherapie, Tabuthema Verdauungsprobleme, Tabuthema Hämorrhoiden, Tabuthema Sex im Alter, und so weiter. Die Liste ließe sich beinahe endlos fortsetzen.

Sollte nicht jeder mit einem Minimum an gesundem Menschenverstand sich fragen, wie ein Thema Tabu sein kann, wenn dauernd darüber geschrieben, gesendet und diskutiert wird? Und noch dazu immer auf dieselbe Art und Weise. Ich lese zum Beispiel nie, dass eine große Mehrheit der deutschen Bevölkerung niemals unter funktionellen Störungen oder ästhetischen Problemen im Intimbereich leiden wird. Ich höre nie, dass ein sterbender Mensch öffentlich sagt, dass das dumme Geschwätz seiner Kinder über den richtigen Umgang mit dem Tod ihm auf die Nerven geht. Es wird kein Depressiver als Normalfall gezeigt werden, der das Wissen um seine Krankheit bewusst auf seinen engsten Familienkreis beschränkt wissen will. Es wird öffentlich kaum interessieren, dass Sucht bei Alten und das Lob der palliativen Schmerztherapie vielleicht nur zwei Seiten einer Medaille sind. Es erscheint abnormal, wenn jemand keine Lust hat, über sein Verdauungsprobleme oder Hämorrhoiden zu sprechen. Und wohl niemals wird man hören, dass ein alter Mensch öffentlich sagt, dass er einfach keine Lust mehr auf Sex hat und dass dies für ihn auch kein Problem sei. Mit anderen Worten, es geht nicht um die Aufdeckung von Tabus, sondern um das Neue, die Sensation und den Zwang zur Selbstentblößung. Und das Neue muss in eine bestimmte Richtung gehen. Denn sonst verkauft es sich nicht. 

Schaue ich mir die Felder der Enttabuisierung an, so lässt sich ein Grossteil der Aufregung  nur durch fortschreitendes Interesse an Voyeurismus und Verpöbelung erklären. An die Stelle des Lobs der Zurückhaltung ist der Appetit nach dem Grobschlächtigen, Abnormalen und Krankhaften getreten. Und dieser Appetit wird zügellos bedient. Das Zerren in die Öffentlichkeit des angeblich Verschwiegenen ist kein Zeichen der Erhöhung der Authentizität unserer Gesellschaft. Es ist die Konsequenz einer unbeschränkten Nabelschau ohne Sinn und Ziel.

Wann genau begann diese nach unten gerichtete kulturelle Spirale, dieser Verlust an Takt und Kultiviertheit, an Verständnis, dass einige Dinge nicht gesagt werden oder offen dargestellt werden sollten? Seit wann verstehen wir nicht mehr, dass die Würdigung degenerativer und regressiver Verhaltensweisen, Sitten und Lebensweisen durch journalistische, künstlerische oder anderer öffentliche Darstellung implizit zu ihrer Verherrlichung und Förderung beiträgt? Ich weiß es nicht. Aber ich habe einen Verdacht jenseits von Philosophie und Psychologie. Es geschah als jemand begriff, dass sich damit Geld verdienen lässt. Nur eine neue Gewissheit bleibt. Das einzige verbliebene Tabu der heutigen Zeit ist es, Tabus einzufordern.