Thilo Sarrazin hat mit seiner Analyse Recht. Aber das ist wohl nicht mehr das eigentliche Problem. Denn inzwischen erscheint es notwendig, auf einer Stufe tiefer zu beginnen. Sarrazin hat das Recht seine Analyse vorzubringen. Denn das Thema Integration ist wahrscheinlich das virulenteste Thema der deutschen Gegenwart. Die Form, in der er sie vorgebracht hat, mag nicht unbedingt hilfreich sein. Dass er deswegen zurücktreten soll, ist albern aber leider symptomatisch. Denn in Deutschland wird im Zweifelsfall korrekte Wortwahl und korrektes Benehmen vor das Recht auf freie Rede und zuweilen auch vor die Wahrheit gestellt. Daraus folgt eine Verwirrung der Prioritäten die noch nach hinten losgehen wird. Und selbst wer Sarrazin nicht zustimmt. Warum wird als erstes sein Rücktritt gefordert? Warum wird statt auf den Inhalt, auf die potentiellen Folgen seiner Äußerungen eingegangen? Weil die Sache selbst offenbar zum Tabu werden soll. Und das ist es, was mich ärgert und mir große Sorgen bereitet.

Bei Sarrazins Äußerungen geht nicht um politische Gewissenlosigkeit, sondern um klare Worte zum Thema, die auch mal überspitzt sein dürfen. Dem gegenüber steht eine merkwürdige Idealisierung von Menschen ihrer Herkunft oder ihres sozialen Status wegen. Den reichen Banker darf ich verbal attackieren, den armen Migranten nicht. So wollen es einem die Heuchler einreden. Nur um kurz darauf mit Verweis auf das Grundgesetz zu erwähnen, dass niemand wegen seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Herkunft und seiner politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden darf. Schizophrener geht es nicht, wie auch mancher aus der linken Ecke schon erkannt hat. 

Die Art wie Sarrazin in Berlin Politik gemacht und umgesetzt hat, ist für mich ein Vorbild dafür, wie jemand von da oben verantwortungsvoll handeln kann und soll. Gleichzeitig ist diese Art von Politik eine deutliche Kritik an den ökonomisch Mächtigen. Dass Sarrazin auf seine ihm typische Weise den ideologisch und moralisch begründeten Machtanspruch der Linken sowie ebenso die Wohlfahrtsempfänger selbst kritisiert und attackiert ist nicht ehrenrührig. Stattdessen ist ihm zu danken, dass er die Debatte über die verkorkste, deutsche Integrations- und Sozialpolitik am Leben erhält und belebt.