Es ist kein Zufall, dass von allen Regierungschefs der westlichen Welt, Angela Merkel am stärksten vor einer neuen Periode der Inflation warnt. Inflation ist für sie eine „perfide Form der Enteignung der kleinen Sparer“ oder „das Unsozialste überhaupt“. Denn dies eint wohl alle Deutschen von links bis rechts, ob nun aus politischer, sozialer oder ökonomischer Sicht – die Notwendigkeit einer gesunden Währung. Denn die Hyperinflation der zwanziger Jahre hat vielleicht mehr noch als zwei Weltkriege die wirtschaftliche Mentalität der Deutschen seit Gründung der Bundesrepublik bestimmt. Die Beständigkeit der Deutschen Mark und die im Vergleich zum angloamerikanischen Wirtschaftsraum und zu vielen anderen europäischen Ländern geringe Preisinflation sind die großen Errungenschaften Nachkriegsdeutschlands. Kurzfristig scheint die Inflationsgefahr gebannt, die von der expansiven Geldpolitik der Notenbanken seit Beginn der Wirtschaftskrise ausgeht. Aber ist dies überhaupt das wesentliche Problem? Schaut man nämlich genauer hin, muss man sich fragen, ob die angeblich eingedämmte Preisinflation nicht schon seit Jahren andernorts ihren Lauf nimmt.

Die Inflation der der Vermögenswerte oder „asset price inflation“, bezeichnend ist, dass es hierfür noch keinen deutschsprachigen Wikipedia-Artikel gibt, wird oft als ein Problem der USA und Großbritanniens insbesondere in Bezug auf den Immobilienmarkt gesehen. Die Aktienblasen in Deutschland, der steigende Goldpreis und steigende Preise für weitere Finanzgüter in Deutschland auch in der Krise sind jedoch ebenso Ausdruck dieser Art der Inflation. Bei der in Deutschland vorherrschenden Form der Inflationsmessung werden die Finanzgüter- und Immobilienmärkte nicht berücksichtigt. Irgendwann erreicht diese Art der Inflation jedoch auch den einfachen Verbraucher. Trotz gleichbleibendem Lebenshaltungskostenindex sind die Folgen die gleichen, das verfügbare Einkommen sinkt. Weiterhin hat diese Art der Inflation eine moralische Dimension, insbesondere für das Bürgertum. Versprach früher das Sparbuch zumindest Werterhalt, so scheint heute ein Erhalt des eigenen Vermögens nur noch über Spekulationen möglich. Die Frage ob man besser in Aktien, Anleihen, Immobilen, erneuerbare Energien oder Edelmetalle investiert, ist zu einer permanenten geworden. Einen Schritt darüber hinaus schafft die grundsätzliche Möglichkeit, den Kauf eines im Wert steigenden Vermögensgegenstandes bei Währungsabwertung über Kredite zu finanzieren. Und die (Buch)Gewinne sollen ganz selbstverständlich am Ende für den privaten Konsum genutzt werden. Hier verschwimmt der Unterschied zwischen Kreditaufnahme zum Konsum jenseits der eigenen Möglichkeiten und Kreditaufnahme zur Vermögensvermehrung. Dies ist also mitnichten nur ein Unterschichtenphänomen.

Sinkende Reallöhne sind ein weiteres Phänomen der Diffusion der Preisinflation in andere Formen des Wertverlustes. Für die Gewerkschaften beschränkt sich das Problem unterproportional steigender Arbeitnehmerentgelte in Deutschland auf eine Bremsung der Binnennachfrage und stagnierenden Konsum. Das der Effekt jedoch der gleiche ist, wie bei hoher Inflation und Lohnsteigerungen unterhalb der Inflationsrate wird übersehen. In Zeiten weiter steigender Qualifikation der abhängig Beschäftigten und weiter steigender Produktivität sollte dies eigentlich nicht der Fall sein. Und selbst in der jetzigen Krise erscheint es bis jetzt nicht so, dass Kapitaleinkommen mittelfristig stärker unter Druck geraten als die Löhne, die zumal wegen der nicht vorhandenen Inflation real eigentlich steigen sollten. Ein Sinken der realen Nettolöhne über viele Jahre zu Zeiten kräftigen Wirtschaftswachstum und eine anschließende weitere Entwertung von Arbeitskraft ist einmalig in der Geschichte der Bundesrepublik. Gegenbewegungen sind nicht zu erkennen. Die Folgen für die Motivation des noch fleißigen deutschen Arbeitnehmers könnten desaströs sein.

Diejenigen, die sich bis jetzt keine Sorgen machen müssen, sind diejenigen, deren Einkommen implizit oder explizit gegen inflationäre Risiken staatlich angesichert ist. Dies gilt für Beamte, Angestellte im öffentlichen Dienst, Rentner und für Branchen mit Mindestlohnregelungen. Aber man sollte sich nichts vor machen. Auch dies ist nur ein Schneeballsystem. Denn langfristig wird der Staat seinen Verpflichtungen nicht nachkommen können. In der Zwischenzeit werden viele dies jedoch als den rettenden Anker wahrnehmen. Und die Regierung könnte der Versuchung erliegen diese Art der Einkommenserzielung auszuweiten. Zumal sie Formen der Anhängigkeit schafft, die dem Staat nicht unrecht sind. Nur leider verdirbt Abhängigkeit Moral und Charakter. 

Wohin dies letztendlich führt ist kaum abzusehen. Was bedenklich stimmt ist das reagieren der Politik auf diese Phänomene mit alten Rezepten. Dabei sollte deren paralleles Auftreten zu denken und Anstoß zu neuen Formen der Ordnungspolitik geben. Wird es letztendlich zu einer massiven Preisinflation kommen? Auf eine andere Weise können sich viele Experten kaum noch vorstellen, dass die Staaten der westlichen Welt die Realwerte ihrer Verschuldung senken können. Geschieht dies, so werden die Auswirkungen sicherlich massiver sein als zu Zeiten der Inflation in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, verursacht durch den Ölpreisschock. Die Folgen werden viele tragen müssen. Und eine Ausweitung direkten staatlichen Einflusses zu Abmilderung dieser Folgen ist zu befürchten. Ein Maßhalten vor und während der Krise wäre die bessere Alternative gewesen. Mir scheint, wir haben es mit einer Mentalitäts- und Moralverschiebung in die falsche Richtung bei nahezu allen Akteuren zu tun. Vom Kleinsparer zum Großinvestor und vom Sozial- zum Ordnungspolitiker. Als Fazit bleibt, nur auf Pump lassen sich keine bleibenden Werte schaffen.