Zur Vorgeschichte. Eine massive Protestaktion in einer kleinen russischen monoindutriellen Stadt. Der Oligarch Oleg Deripaska, dem einer der wichtigsten Betriebe der Stadt gehört, hatte durch Schließung dieses Betriebes nahezu die gesamte Wirtschaft des Ortes lahmgelegt. Dies ließ die Arbeitslosigkeit explodieren. Zudem hatten die Beschäftigten Deripaskas schon seit Monaten keinen Lohn mehr erhalten. Auf wessen Hilferuf auch immer änderte Premierminister Putin kurzfristig seine Reisepläne, um vor Ort einzugreifen. Die TV-Kamera zeigt, wie der „allmächtige“ Oligarch, die Hände vor das Gesicht hält und Putin über Habgier und schlechtes Gedächtnis spricht. Der Premier lässt Deripaska an den Tisch kommen, reicht ihm seinen eigenen Kugelschreiber und befiehlt, das vorliegende Dokument zu unterzeichnen. Der Premier fügt dabei hinzu, sollten Deripaska und seinesgleichen die notwendigen Dokumente nicht unterzeichnen, würden ihnen einfach ihre Vermögenswerte entzogen. Der Oligarch unterschreibt gedemütigt und vergisst sogar, dem Premier dessen Kugelschreiber zurückzugeben. Darauf sagt Putin, man dürfe sich keine fremden Dinge aneignen. Schon zwei Stunden später, als Putin unter stürmischem Beifall der Arbeiter Abschied nimmt, werden die ausstehenden Gehälter auf die Konten der Arbeiter überwiesen. Nicht nur die Arbeiter, auch das Netz ist voll des Lobes.

Wer an der politischen Einordnung dieses Vorgangs interessiert ist, mag hier weiterlesen. Ich möchte an dieser Stelle etwas abschweifen und daran erinnern, dass es jenseits des Wartens auf alte und neue starke Männer und Frauen noch etwas gibt. Und das wäre das Ausbrechen aus der eigenen Unmündigkeit, so wie Kant es beschrieben hat. Seltsamerweise ist dies für die Masse der Bevölkerung, ob in Russland oder Deutschland keine Option mehr. Es wird auch gar nicht eingefordert. Aus Faulheit und Feigheit hat sich anscheinend lediglich ein gebildeterer, privilegierterer Teil der Bevölkerung befreit. Und dieser Bevölkerungsteil ist entweder Teil des Systems oder sein routinierter Kritiker. Die Mechanismen sind dabei im Großen und Ganzen in Russland und Deutschland wohl gar nicht so verschieden. Oder anders gesagt die europäische Unterschicht schließt sich selbst aus. Denn sie ist misstrauisch gegen Bildung, misstrauisch gegenüber Einfluss, misstrauisch gegenüber der Veränderung, misstrauisch gegenüber dem Geistigen an sich. Unmittelbare, plakative Autorität, der starke Mann findet jedoch im Zweifelsfall allgemeine Akzeptanz. Dass dieser starke Mann Teil des Systems ist, oder wie im Falle Putins, es sogar herbeigeführt hat, stört dabei nicht. Die Politik und ihre professionellen Kritiker sehen den Menschen offenbar nicht mehr in seiner Ambivalenz als vernünftiges und als instinkthaftes, emotionales, gefühlsmäßiges Wesen. Stattdessen meint man der gesellschaftlichen Realität eher gerecht zu werden, wenn man sich selbst als vernünftig und nur den Rest der Welt als instinkthaft, emotional, gefühlsgesteuert und im Endeffekt dumm wahrnimmt. Ein jeder Bevölkerungsteil scheint sich darin bequem eingerichtet zu haben. Ehrlich gesagt, ich erwarte mehr.