Oder man könnte auch sagen „We Don’t Want No Education“. Und dies in den unteren und oberen Schichten der Gesellschaft. Nach dem Verschwinden der bildungshungrigen Arbeiterelite will sich die Unterschicht durch Bildung nicht mehr emanzipieren. Und in der Mittel- und Oberschicht dient die Bildung nur noch als Instrument des ökonomischen Machterhalts, sie wird zunehmend selektiv. Insgesamt ein Rückschritt in der kulturellen Entwicklung Deutschlands. Don Alphonso beschreibt dies in seinem FAZ-Blog auf die ihm eigene Art und hat mich aufgerüttelt zum diesem Beitrag. Was sind die Gründe für den Verfall der Bildung?

Ich habe selbst das Glück irgendwo aus der Mitte der deutschen Gesellschaft zu stammen. Als drittgeborener Sohn eines Landwirts aus dem südlichen Niedersachsen mit einer ordentlichen Zuckerrübenquote standen einem gewisse Bildungschancen nicht erst seit Anfang der siebziger Jahre offen. Das Wort „Unterschicht“ habe ich in meiner Jugend nie gehört. Dass Kinder wenig wohlhabender Eltern bei entsprechender Begabung auf das Gymnasium gingen, war in den achtziger Jahren eigentlich der Normalfall. Einen Sonderfall stellten die „Asozialen“ dar. In der Regel Zugezogene, mehr als vier Kinder, der Vater schlug, war Alkoholiker oder ganz verschwunden. Aber selbst aus diesen Kreisen kann ich mich an zwei Brüder und eine Schwester aus einer Familie erinnern, die am Ende das Abitur schafften.

Es hat sich etwas grundlegend geändert. In dem Dorf, in dem ich aufwuchs, gab es in den siebziger und achtziger Jahren so etwas wie eine produktive Einheit von Kultur und Bildung. Eine nivellierende Kraft hatte auch die Kirche. Unabhängig von seinem ökonomischen Hintergrund konnte es eigentlich fast jeder schaffen, soweit die Begabung ausreichte. Und noch etwas war anders. Bildung war nicht alles. Wer geistig nicht in der Lage war, bekam trotzdem einen Platz in der Gesellschaft.

Was ist heute anders. Bin ich in Deutschland zu Besuch oder spreche ich mit meinen auf dem Dorf verbliebenen Geschwistern und Bekannten, so kommen häufig die folgenden Gedanken hoch. Es existiert inzwischen eine wirkliche Unterschicht, aus der es kaum noch Aufstiegschancen gibt. Auch hat sich die Kultur dieser Unterschicht gewandelt. Die auch früher existierende Ignoranz gegenüber Bildung war eher eine passive. Heutzutage ist diese Ignoranz jedoch aktiv und beinahe bösartig. Eine tiefe Abneigung gegen alles was auch nur nach Intelligenz, Kultur und Bildung aussieht. Bezeichnenderweise geht dies einher mit dem Aufstieg von Jugendkulturen, die das Unterschichtendasein verherrlichen. Und nicht zuletzt existiert für die heutige Unterschicht ein großer psychologischer Vorteil in dieser Einstellung. Sie begründet die Vorstellung, dass die Gesellschaft um sie herum ungerecht ist, und sie ihre Opfer sind.

Was geschieht parallel in der Mittel- und Oberschicht. Nun wir hören es fast jeden Tag. Bildung sei im globalen Wettbewerb eines der wichtigsten Standortfaktoren. Unsere Kinder müssen fit sein für die Globalisierung. Und so weiter. Lassen sie es mich kurz machen. Die von mir genossene humanistische, mathematische und naturwissenschaftliche Bildung von vor 25 Jahren hat mich bestens vorbereitet auf den globalen Wettbewerb. Aber eben nicht nur das. Sie erlaubt es mir auch heute noch in einer Welt jenseits von Wettbewerb und Globalisierung einzutauchen. Und das weiß ich sehr zu schätzen.

Mein Fazit. Die einen verachten die Bildung und lehnen sie aktiv ab. Die anderen benutzen sie als Mittel zum Zweck. Die Idee, dass Bildung Lebenssinn vermittelt und das Rüstzeug für ein erfülltes Leben sein kann, geht verloren. Schade besonders deshalb, weil ich vor 25 Jahre nie daran gedacht hätte, meine eigene Schulausbildung so sehr zu loben. Ein Rückschritt erschien mir damals nicht denkbar.