Lassen Sie mich eines vorausschicken. Es geht hier um mehr als den Amoklauf von Winnenden. Zumal gerade dieser Fall unter Umständen nicht als gutes Beispiel dienen könnte. Deutet doch einiges auf eine schwerwiegende psychische Erkrankung des Täters als Hauptursache des Massakers hin. Aber hier sollen die Ermittler und Richter das letzte Wort haben.

 

Was mich jedoch wirklich erstaunt, ist die Vehemenz mit der nun von allen Seiten, ob Politikern und Journalisten, die Gründe für die Tat in irgendwelchen gesellschaftlichen und rechtlichen Defiziten gesucht werden. Der eine meint den Grund in der Ökonomisierung von Schule und Universität gefunden zu haben, der nächste fordert das Ballerspielverbot, andere eine Waffengesetzverschärfung, und Schützenvereine und Jäger kriegen auch ihr Fett weg. Niemand scheint der Meinung zu sein, dass es sich bei Schulmassakern um die bewusste Entscheidung einer Person gehen könnte, eine schreckliche Straftat zu begehen. Niemand fragt als erstes nach der Verantwortung des Täters. Dies erstaunt umso mehr, als die übergroße Mehrheit der Täter bei Schulmassakern selbst nach deutschem Recht strafmündig ist. Und viele Täter sind erwachsen.

 

An anderer Stelle habe ich bereits darauf hingewiesen, dass offenbar eine Mehrheit in Deutschland davon ausgeht, dass die Ursache für Straftaten in vielen Fällen nicht die Entscheidung des Kriminellen ist, sie zu begehen. Was im Verstand der Täter vorgeht, scheint in diesem Zusammenhang geradezu irrelevant zu sein. Ein Wikipedia-Eintrag bestätigt diese weit verbreitete Wahrnehmung mit der folgenden beeindruckenden Liste.

 

„Aus der Betrachtung bisheriger Amoktaten und ihrer Täter lassen sich weiterhin folgende Faktoren in ihren Lebensumständen als signifikant für das Verständnis der Tat heranziehen: Mobbing in der Schule ,unangemessener Leistungsdruck, sowie daraus resultierende Zukunftsängste, mangelnde Kommunikation und Integration im Elternhaus und/oder im sozialen Umfeld, soziale Vereinsamung, Entwurzelung oder Isolation, Versager- oder Einzelgängerschicksale, Konflikte mit nahestehenden Personen, intensive Gewaltphantasien, Kompensation von erfahrenen Kränkungen oder Minderwertigkeitsgefühlen durch extreme Handlungen, die Nachahmung ähnlicher, vorangegangener Taten, angestrebtes Erregen von (medialer) Aufmerksamkeit bis hin zu Unsterblichkeitsphantasien.“

 

Man kann diese Art der Erklärung kriminellen Handelns wie folgt zusammenfassen. Tötungsdelikte als zwangsläufige Folge mechanischer und sozialer Probleme in einer schlechten Welt. Die Verantwortung für die Einzeltat wird relativiert durch die Lebenssituation des Täters. Abhilfe schaffen Sozialtechnik und Volkspädagogik. Und sollte dies nichts nutzen, so ist man inzwischen gerne bereit sekundäre Präventionstechnik wie Metalldetektoren und Überwachungskameras zu akzeptieren. Eben dies konnte ich am gestrigen Tag zusammen mit meinen Kindern der logo!-Sendung auf ZDF tivi entnehmen.

 

Nicht dass diese Maßnahmen nichts bewirken. Aber warum fragt niemand nach der der kriminelle Energie und persönlichen Verantwortungslosigkeit des Täters? Warum fragt niemand wie man destruktive Gedanken aus den Köpfen der Täter entfernen oder sie erst gar nicht hereinlassen kann? Warum spricht niemand das mangelnde Verantwortungsbewusstsein der Eltern an? Kann es sein, das diese Fragen uns unangenehm sind? Ich selbst habe das Tötungsverbot in der Kirche als Teil der christlichen Ethik aufgesogen und, zugegeben, teilweise auch aufgedrückt bekommen. Wenn der Einfluss der Religion schwindet, wer kann ihren Platz einnehmen? Hier sind die Eltern, Verwandte und Freunde, letztendlich der Einzelne gefragt. Es wäre die Verantwortung von Politikern und Journalisten, die Bürger daran zu erinnern.

 

Am Rande einer Geschäftsreise hatte ich neulich die Gelegenheit die Gedenkstätte des SS- und Wehrmachts-Massakers von Marzabotto in der Toskana zu besuchen. Man fragt sich auch an solchen Orten, wie Menschen so weit gehen konnten. Das staatlich gedeckte Morden gehört zumindest in Europa glücklicherweise der Vergangenheit an. Aber vielleicht sind die Mechanismen gar nicht so verschiedenen? Vielleicht hat den Tätern einfach niemand gesagt, man tut so etwas nicht?