Betrachtet man das derzeitige Krisenmanagement in Deutschland, so fallen vor allem zwei Dinge auf. Zum einen erstaunlich ist die Größe der Überraschung, mit der die Krise von den wirtschaftlichen und politischen Eliten aufgenommen wird. Zum anderen erstaunt mit welcher Leichtigkeit die Bundesregierung Milliarden in Konjunkturpakete steckt, ohne zumindest eingehend und gründlich nach den Ursachen und Verantwortlichen zu forschen.

 

Was man stattdessen in der Bundesregierung beobachtet, ist eine letztendlich selbstzufriedene Stimmung, eine Mischung aus wohlgenährter moralischer Überlegenheit und aufrichtiger Empörung, beides im Übrigen sehr angenehme Empfindungen. Von Selbstkritik also keine Spur. Stattdessen der Konsens, dass irgendwelche anderen Dummköpfe und Verbrecher, seien es gierige Banker, ignorante ultraliberale amerikanische Politiker, inkompetente Firmenlenker und korrupte russische Oligarchen das ganze Schlamassel angerichtet haben. Der eigene Anteil der deutschen und inzwischen weitgehend sozialdemokratisierten politischen Klasse steht nicht zur Diskussion.

 

Selbsthypnose kann man es nur nennen, was die deutsche politische Klasse davon abhält die offensichtlichsten und naheliegendsten Wahrheiten ihrer eigenen und anderer Gesellschaften und Wirtschaftssysteme zu akzeptieren. Dies enttäuscht umso mehr, da viele, so unter anderem ich, nach dem Zusammenbruch des Totalitarismus von einer automatisch höheren Wertschätzung der Realität und des gesunden Menschenverstands ausgegangen waren. Doch dies ist nicht geschehen. In einer zugegebenermaßen komplexer werdenden Welt, ist die Realität für die Entscheidungsträger offensichtlich nicht etwa einfacher zu akzeptieren als zu Zeiten des kalten Krieges. Vorgefasste Meinungen und ideologische Sichtweisen feiern fröhliche Urständ. Ich möchte an dieser Stelle vier Bereiche nennen, in der die politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Eliten in Deutschland mit großer Ignoranz und Scheuklappen agieren.

 

Nummer eins der Klimawandel. Ich sehe hier mal ab von der erstaunlichen Inbrunst, mit der die Politik den anthropogenen Treibhauseffekt im wissenschaftlichen Sinne als 100 Prozent bewiesen darstellt. Aber dies ist inzwischen nur noch Nebenkriegsschauplatz. Was wirklich erschüttert ist die Gewissheit, mit der man davon ausgeht das allein durch wissenschaftlich-technischen Fortschritt das Problem lösen kann. Dies ist Mitnichten der Fall und spiegelt sich wider in der Tatsache, dass trotz allen Aufwands nicht einmal die EU in der Lage ist, ihre Treibhausgasemissionen zu vermindern.

 

Zweitens die bereits erwähnte globale Finanzkrise. Hört man aus den USA zumindest noch von Untersuchungsausschüssen und fundierten kontroversen Positionen zum “deficit spending“, so herrscht in Deutschland weitgehende Ruhe. Offensichtlich zieht die hiesige politische Klasse die Friedhofsruhe der Kontroverse vor, die man als Selbstzerfleischung wahrnehmen würde.

 

Drittens ist es die Wahrnehmung des Zustandes der Demokratie in weiten Teilen der Welt. Gab es zu Zeiten des kalten Krieges noch offensichtliche ideologische Gründe sich die Legitimität, die Rechtsstaatlichkeit und den Demokratisierungsgrad von Regimen schönzureden, so wurden diese Gründe nahtlos von ökonomischen Erwägungen abgelöst. Dies gilt sowohl für den Umgang mit den zahlreichen Diktaturen in Afrika als auch mit den verschiedenen Potentaten in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Mitnichten fordere ich Boykotte, Sanktionen oder ähnliches. Aber ein deutscher Politiker der zum Beispiel Aserbaidschan, das Land in dem ich lebe, eine Demokratie nennt, macht sich und den Deutschen etwas vor. Dies erstaunt insbesondere, da mir inzwischen klar ist, dass es sich bei solchen Äußerungen meist nicht um Diplomatie sondern Realitätswahrnehmung handelt.

 

Viertens ist es die trotz Medienpräsens nach wie vor offensichtliche Ignoranz bezüglich der zunehmenden Gewalt und Vulgarität und des abnehmenden Bildungsniveaus in Deutschland. Mancher mag es nun überzogen finden, aufgrund des unbestreitbaren Aktionismus in diesen Bereichen von Ignoranz zu sprechen. Ignorant ist jedoch in der Tat derjenige, der die Zustände gesellschaftlich, ökonomisch und soziologisch erklärt und bekämpft und den moralischen, als dominierenden Aspekte außer Acht lässt.

 

Ich bin in einer seltenen Position. Durch meine Herkunft, meinen beruflichen Werdegang und nun meinen Aufenthalt in einem Land der Exsowjetunion am Rande zwischen Asien und Europa habe ich eine seltene Mischung von Verhältnissen und Personen kennengelernt. Die Gedankenwelt alkoholabhängiger Harz-IV-Empfänger ist mir ebenso durch direkten Kontakt bekannt wie die postsowjetischer Oligarchen, verschiedener Vorstandmitglieder von DAX-Unternehmen und deutscher und US-amerikanischer Botschafter sowie einiger deutscher Minister auf Landesebene. Als ich meine oben beschriebenen Gedanken vor einiger Zeit einem Mitglied einer Wirtschaftsdelegation aus Niedersachsen mitteilte, meinte dieser nur: „Sie kennen aber komische Leute!“ Wenn selbst die Mächtigen und Leistungs- und Entscheidungsfähigen die Welt nicht verstehen wollen, wie sollen wir es dann von den Machtlosen erwarten?