Ob es nun persönliche Antipathie, mangelnde Glaubwürdigkeit oder eine falsche Themenwahl war, die Roland Koch und der CDU die massiven Verluste in Hessen einbrachten. Es bleibt als Fazit, daß eine Mehrheit der Deutschen eine angebliche soziale Ungerechtigkeit als das Grundübel unserer Zeit ansieht. Ohne mehr Gerechtigkeit, so der vielfache Konsens bis weit ins bürgerliche Lager, ist eine Verbesserung der Situation kaum zu erwarten. Tatsache ist aber auch, daß die früher oft als Unterstellung diffamierte Annahme Kochs der überproportionalen Präsenz jugendlicher ausländischer Gewalttäter von kaum jemandem mehr ernsthaft bestritten wird.

Sieht man diese Einstellungen im Zusammenhang, so muß von der folgenden Grundüberzeugung bei einer Mehrheit der Deutschen ausgehen. Die Ursache für Straftaten, zumindest in der in Deutschland wohnenden Unterschicht ausländischer aber auch inländischer Provenienz, ist nicht die Entscheidung des Kriminellen sie zu begehen. Was in ihrem Verstand vorgeht scheint geradezu irrelevant zu sein. Stattdessen stimmt man überein, daß die primäre Ursache von Kriminalität in der Unterschicht soziale Ungerechtigkeit ist. Kriminalität als zwangsläufige Folge eines mechanischen Problems. Und das Problem ist mechanisch durch Umverteilung und Sozialtechnik zu lösen. Gerechtigkeit in den Köpfen vieler hat offenbar nichts mehr damit zu tun, ob eine Person basierend auf ihrem gesellschaftlich mehr oder weniger anerkannten Verhalten ökonomisch oder in Bezug auf ihr soziales Prestige belohnt oder bestraft wird.

Wie entstehen solche Überzeugungen. Einen nicht unwesentlichen Beitrag leistet die Präsenz von Kriminologen, Neuropsychologen und sonstigen Experten zum Thema in den Medien. Ein herausragender Vertreter dieser Zunft ist Christian Pfeiffer, ehemaliger Justizminister der SPD- Regierung in Niedersachsen und jetzt Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen. Im Spiegel-Interview vom 30. Dezember 2007 läßt er uns wissen, daß ein zentraler Faktor für die hohe Kriminalitätsrate bei ausländischen Jugendlichen, „die gravierende Bildungsbenachteiligung der jungen Ausländer“ ist. Von den männlichen jungen Migranten verließen circa 22 Prozent die Schule ohne ein Abschlußzeugnis und dabei seien sie „keineswegs dümmer“.

Nimmt man Pfeiffers erste Aussage, die als exemplarisch gelten kann, ernst, so glaubt Pfeiffer und mit ihm viele andere, daß unter den herrschenden ungerechten Verhältnissen verbunden mit offenbar gewollter Benachteiligung für ausländische Jugendliche eigene Entscheidungen keinen Einfluß auf den eigenen Lebensweg haben. Der Weg in die Kriminalität und letztlich in die allgemeine persönliche Selbstzerstörung ist vorgezeichnet. Aber genau dies ist nicht wahr, insbesondere wenn man in einer nach wie vor weitgehend offenen Gesellschaft wie der deutschen lebt. Den Hinweis darauf gibt Pfeiffer selbst, indem er auf die keineswegs mangelnde Intelligenz der ausländischen jugendlichen Straftäter verweist. Denn wenn es nicht die Intelligenz ist, dann können es nur Einstellungen, Mentalitäten und Überzeugungen sein, die den Weg in den Abgrund weisen.

Dieser Weg in den Abgrund muß nicht immer in Kriminalität enden und er betrifft sowohl eine ausländische als auch eine inländische Unterschicht. Ein Augenblick der Erkenntnis ereilte vor mehr als einem Jahr den SPD-Vorsitzenden Kurt Beck. Ein Arbeitsloser beschimpfte ihn auf einem Weihnachtsmarkt wegen Hartz IV. Da riet ihm Beck, er müsse sich nur waschen und rasieren, schon „haben Sie in drei Wochen einen Job“. Auch die von Beck angestoßene Diskussion um ein „Unterschichten- Problem“ ging in diese Richtung. „Ohne Leistungswillen kann keine Gesellschaft auf Dauer bestehen.“ Auch gestand Beck zu, es handle sich dabei nicht um die althergebrachte Armut, sondern um etwas Neues. Früher habe es in armen Familien das Streben gegeben, nach oben zu kommen. Heute drohe dies verloren zu gehen.

Die SPD werde sich dieser Herausforderung annehmen, so hieß es. Davon ist leider nichts mehr zu hören. Und weite Teile der CDU sind auf diesen Zug aufgesprungen. Beziehungsweise sie wollen einmal wieder alles zusammenführen, statt den Widersprüchen und Konflikten offen entgegenzutreten. Ob nun Politiker oder Experten. Natürlich bestreiten sie vehement, daß ihr Ruf nach sozialer Gerechtigkeit kriminelles und asoziales Verhalten relativiert, rechtfertigt oder gar verursacht. Aber dies ist kein Grund zur Entwarnung. Denn bei der Weitergabe von Ideen aus Politik und Wissenschaft an das gemeine Volk sind kognitive Verzerrungen der Normalfall.

Wie sagt ein junger Mann offenbar ausländischer Herkunft aus Köln auf Spiegel TV als Reaktion auf provozierende Äußerungen bezüglich des in einer Messerstecherei getöteten Salih L. „Das spornt an, Haß zu kriegen und Sachen zu machen, die man nicht machen will.“ Äußere Umstände zwingen den hilflosen, ausländischen Jugendlichen zur Straftat. Er macht etwas, was er nicht will. Ein kruder Konsens zwischen Straftäter und gesellschaftlicher Mehrheit.