In den Tagen, als der Kommunismus noch eine Option auf der politischen Landkarte war, beschränkten sich meine Reisen auf die andere Seite des Vorhangs auf Kurzaufenthalte in der Deutschen Demokratischen Republik und der Volksrepublik Polen. Für einen Besucher dieser Länder war es schwierig in den beiden Hauptstädten spontan etwas zu essen zu kaufen. Umso leichter war es die Verbindung zwischen dieser Schwierigkeit und dem vulgären Antimerkantilismus eines Marx oder Lenin zu verstehen. Um es nicht zu verstehen, bedurfte es allerdings der fehlgeleiteten Genialität so mancher westlicher Intellektueller.

Auf fruchtbaren Boden fiel dieser Antimerkantilismus aber nicht nur auf Grundlage einer Ideologie. Es bedurfte einer Symbiose mit dem Jahrhunderte alten russischen Despotismus um ihm den Weg zu bahnen. Ohne den zaristischen Absolutismus gepaart mit Korruption auf allen Ebenen des Staates wäre der Marxismus in Russland nicht erfolgreich gewesen. Und auch die weitere Ausbreitung des Sowjetkommunismus, von der Einverleibung der Ränder des Russischen Reiches in Zentralasien, im Südkaukasus und im Baltikum bis zur Schaffung des Systems der Satellitenstaaten in Osteuropa, war zwar vom Inhalt her marxistisch, von der Form her jedoch russisch.  

Nun haben sich die Zeiten geändert. Das Russische Reich ist vergangen, der Sowjetunion ist vergangen. Geblieben ist der Antimerkantilismus, manchmal versteckt zwar aber immer noch wirkmächtig. Viele Nachfolgestaaten der Sowjetunion sind Rentenstaat. Der weit überwiegende Teil des Staatseinkommens stammt aus relativ unproduktiver, auf den Export von Rohstoffen gerichteter Tätigkeit. Typisch hierfür sind die Förderung und der Export von Öl und Erdgas. Die Kontrolle der Renteneinkünfte und der mangels eigener wirtschaftlicher Entwicklung notwendigen Importe von Lebensmitteln und Konsumgütern stellt für die herrschenden Gruppen die zentrale Quelle ihrer Bereicherung dar und sichert durch die Umverteilung eines Teils dieser Einkünfte in klientelistischen Netzwerken die Macht der Herrschenden. Da der Staat mittels dieser Einkünfte ein Minimum an sozialer Sicherung bieten kann, besteht bei den Entscheidungsträgern oft nur geringes Interesse am Aufbau einer auf Autarkie gerichteten Landwirtschaft und Industrieproduktion. Die Zementierung eines gewissen Maßes an Unterentwicklung ist geradezu die Rationale von Rentenökonomien.

Eine Analyse, in welchen Masse nun Russland, Aserbaidschan, Uskekistan oder Kasachstan Rentenstaaten sind, überlasse ich gern den Politik- und Wirtschaftswissenschaftlern. Auch die Struktur der klientelistischen Netzwerke kann ich selbst als jemand der jahrelang in diesen Ländern gelebt habe, nur vermuten. Eine viel subtilere Untersuchung und bessere Einblicke wäre notwendig, um die Verästelungen, Verquickungen, Konkurrenzen und Allianzen zu erfassen und so ein Bild der realen politischen Strukturen zu entwerfen. Darin scheitern in der Regel selbst einheimische Journalisten und Wissenschaftler. Interessant in diesem Zusammenhang ist trotz 70 Jahren Kommunismus die Herausbildung von eher orientalisch anmutenden Herrschaftsnetzwerken in der Gesellschaft. So bilden inzwischen selbst in Russland neben den üblichen Seilschaften vielfach (Groß-)Familien die verlässlichsten sozialen und politischen Strukturen. Legitimation gewinnen diese Familienbande durch entsprechenden Immobilien-, Finanz- und Produktionsmittelbesitz beziehungsweise durch deren Kontrolle und oder durch Schlüsselpositionen in Handel und Politik.

Alle sind irgendwie verbunden. Vorgestern las ich zufällig den folgenden Artikel (Achtung, jetzt wird es teilweise russisch). Gräbt man etwas tiefer so kommt folgendes zu Tage. Igor Schuvalow, stellvertretender Premierminister und ein enger Vertrauter Putins, fordert dazu auf, dass ein Bauprojekt beschleunigt wird. Igor Schuvalows Frau ist die reichste Ehefrau unter allen Ehefrauen von russischen Regierungsmitgliedern. Sie unterhält Geschäftsbeziehungen zu dagestanischen und aserbaidschanischen Oligarchen. Das oben genannte Bauprojekt wird von Crocus Group ausgeführt. Crocus Group ist Partner des russischen Wirtschaftsministeriums und der Generalunternehmer für den Bau der Infrastruktur des APEC Gipfels 2012. Besitzer von Crocus Group ist Aras Agalarow, ein gebürtiger Aserbaidschaner. Er hat umfangreichen Gewerbeimmobilienbesitz in Moskau. Sein Sohn ist mit einer Tochter des aserbaidschanischen Präsidenten verheiratet. Aras Agalarow zusammen mit anderen aserbaidschnischen Oligarchen unterstützt die Wahl Putins zum russischen Präsidenten. Uns so weiter, und so weiter. Es scheint in China aber auch nicht viel anders zu sein. 

Das genannte Bauprojekt weist ein anderes interessantes Charakteristikum auf. Mann beschäftigt hauptsächlich Tagelöhner aus Zentralasien, dem südlichen Kaukasus aber aus den Philippinen und Brasilien. Gleiches wenn auch in kleinerem Maßstab praktiziert in Aserbaidschan jeder Staatsdiener ab Ebene des Leiters der Kreisverwaltung beziehungsweise eines stellvertretenden Ministers. Hierzu empfehle ich die folgende Dokumentation mit Untertiteln in englischer Sprache:

Ich selbst habe einige dieser Steinsäger letztes Jahr besucht. Einfach hinter dem Sangachal-Terminal ins Landesinnere fahren. Man kann sie nicht verfehlen. Es handelt sich hauptsächlich um junge Familienväter aus den ländlichen Regionen Aserbaidschans. Ohne Papiere, ohne Sozialversicherung und ohne ein Mindestmaß Arbeitssicherheit verdient man 300 EUR im Monat. Das imperiale Russland hatte seine Leibeigenen und verarmten Bauern, in Stalins Russland waren es die Insassen des Gulag und nun eben der einheimische oder zentralasiatische Tagelöhner.

Andere Arten von Tagelöhnern trifft man in den Kneipen, Discos und Nachtclubs von Almaty, Moskau und Baku oder auch in den entsprechenden Expat-Wohnanlagen wie Stonepay Royal Park in Baku oder Rosinka in Moskau. Ohne den Einfallsreichtum und die Erfindungsgabe dieser Ausländer wären all die schönen Rohstoffe viel weniger Wert. Eine Tatsache die im Übrigen auch für die arabische Welt gilt. Im Russischen Reich findet sich die Abhängigkeit von westlicher Expertise wenigstens seit Peter dem Grossen. Und auch ein Stalin hätte die sowjetische Industrie ohne westliche Experten nicht entwickeln können, was inzwischen selbst die Komsomolskaya Pravda zugibt. 

In der FAZ kommt dann manch einer auf die Idee, dass Russland als Paradebeispiel eines grauen einundzwanzigsten Jahrhunderts ohne Mittelklasse dienen kann. Nichts wäre falscher. Es ist einfach nur Russland und seine Peripherie. Und dort ändern sich viele Dinge nur sehr langsam.