Patrick Welter hat es in der FAZ anschaulich dargestellt. Natürlich ist die griechische Politik nicht allein für die Euro-Misere verantwortlich. Und ebenso war es ein finanzpolitischer Kardinalfehler Belgien und Italien zum Eurogebiet zuzulassen, obwohl beide Länder mit einem Schuldenstand von mehr als 100 Prozent des Bruttoinlandsprodukts die Eintrittskriterien nicht erfüllten. Und dennoch, das Problem ist ein anderes. Statt auf die Politik zu verweisen, sollten sich die Europäer lieber an die eigene Nase fassen.
Bei anderer Gelegenheit oder in der Zeit vor dem Beitritt Griechenlands zum Eurogebiet hätten die Deutschen mit Verachtung auf die Griechen geschaut. Doch nun ist die Lage eine andere. Zuerst wurde Griechenland herausgehauen. Dann mal eben schnell deutsche Kreditgarantien von 148 Milliarden Euro zur Stabilisierung desselben. Und auch in Deutschland sieht es nicht rosig aus. Im März 2010 betrugen die Verbindlichkeiten des Sektors Staat in der Bundesrepublik Deutschland rund 71 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die Neuverschuldung Deutschlands im Jahr 2010 wird die Maastricht-Kriterien weit überschreiten. Und schon wird in der deutschen Regierungskoalition offen über Steuern- und Abgabenerhöhungen diskutiert. Denken wir also an die Geschehnisse in Athen in den letzten Wochen, so erscheint es immer wahrscheinlicher, dass wir ähnliches in einigen Wochen oder Monaten aus Berlin sehen werden.
In der Tat, Griechenland ist nur ein besonders akuter Fall derjenigen Krankheit, die einen Großteil der westlichen Welt befallen hat. Die Unterschiede zwischen Griechenland und anderen Ländern wie Italien und Portugal und selbst Großbritannien und den USA sind nur gradueller Natur. Die Art des Problems ist die gleiche. Wie so viele andere westliche Nationen hat Griechenland über seine Verhältnisse gelebt. Dass Spekulanten an dieser Situation verdienen, ist moralisch bedenklich und mag eingeschränkt werden. Wer jedoch die internationale Finanzindustrie als Auslöser sieht, lügt sich in die eigene Tasche.
Beim Versuch der Erstürmung des griechischen Parlaments riefen die Demonstranten „Diebe! Diebe!“ Doch ihr Ärger war fehlgeleitet. Denn es schreit der eigentliche Missetäter „Haltet den Dieb“. Natürlich haben die griechischen Politiker betrogen, und manch einer wird sich auch bereichert haben. Aber nicht Diebstahl war das wirkliche Verbrechen der griechischen Politiker, sondern die Finanzierung auf Pump eines ungerechtfertigten und finanziell nicht nachhaltigen Lebensstandards für einen Großteil der griechischen Bevölkerung, im Tausch gegen Wählerstimmen. Und das Verbrechen eines Großteils der griechischen Bevölkerung war es, diese Hehlerware anzunehmen. Gewissensbisse gab es keine. Man ließ es sich gut gehen auf Kosten anderer.
Und diese Art von Verlogenheit gepaart mit Dummheit findet sich nicht nur in Griechenland sondern auch in Deutschland und vielen anderen Ländern der westlichen Welt. Es ist wohl das Kardinalproblem von Demokratien westlicher Prägung in der Welt von heute. Wenn diese Art von Demokratie in weiten Teilen der Bevölkerung nicht gepaart ist mit Ehrlichkeit, Selbstkontrolle, Vorsicht und Realitätssinn, wird sie nicht dauerhaft funktionieren. Eine Ironie des Schicksals, dass gerade die Wiegen der Demokratie, Griechenland, Großbritannien und die USA besonders an demokratischer Korruption leiden.
Doch die griechischen Demonstranten und so viele andere in der westlichen Welt wollen nicht wahrhaben, dass sie sich selbst betrügen. Denn eine Minderung von Löhnen, Subventionen und Vergünstigen ist nicht nur ökonomisch angezeigt, sie ist ganz einfach auch gerecht. Denn ein wesentlicher Teil des Einkommens ist nicht verdient. Politiker leihen sich das Geld und bringen es unter die Leute. Wie früher Könige dem Volk Almosen zuwarfen. Nur eben verschleiert. Dabei ist es doch langfristig so einfach: Damit hinten etwas rauskommen kann, muss vorne etwas reinkommen. Und was vorne reinkommt wird nicht mehr werden, ohne das Nachwachsen einer staats- und gesellschaftstragenden Jugend.
Ich glaube, Ihr Betrachtung ist perspektivisch zu eng. Im deutschen repräsentativen System, – in den meisten anderen demokratischen Ländern ist es nicht viel anders – überlässt der vielbemühte “mündige Bürger” der Politik weitgehend die Besorgung der politischen Geschäfte und die Disposition über das staatliche Budget. So etwas hält oder macht einen immer unverantwortlich und unmündig. Die Politik wiederum ist in Parteien organisiert und will sich den erfolgreich verantwortungslos gewordenen “Bengel Volk” warm halten, um an der Macht zu bleiben. Wer nicht die eigenen Finger am Beutel hat und sich damit vor der Entscheidung sieht, einmal auszugeben und ein anderes Mal den Sack zuzuhalten, und der dann auch deutlich merkt, dass man jeden Taler nur einmal ausgeben kann, der kann dann leicht über “die Politiker” schimpfen, die nicht das bewirken, was sie versprechen. Politiker, die ihrerseits viel versprechen; zugegebenermaßen sogar mehr, als sie dann aus einem Rest an Verantwortung heraus ausliefern. Ich sehe also ein System beidseits gelernter Unverantwortlichkeit. Bestes Beispiel ist wohl, dass die eine Seite der von Keynes empfohlenen Konjunkturpolitik, nämlich in guten Zeiten zu sparen und Staatsschulden abzubauen, kaum je irgendwo befolgt wird in den Demokratien. Ich glaube, dass die Staatsbürger, wenn mit Verantwortung betraut, sich auch leidlich verantwortlich verhalten würden, nämlich langfristiger als Politiker mit einer Perspektive auf einen hohen Posten auf vielleicht zwei Legislaturperioden. Als Beleg dient mir die Schweiz, wo Volksentscheide öfters Leistungsgesetze kassierten, die die Politik anstrebte, ganz im Gegensatz zum hierzulande im Deutschland von Politik und Publizistik eifrig gehegten Vorurteil, dass bei Einführung von Plebisziten der blanke Populismus ausbrechen würde. (Von der Politik dagegen wird Populismus natürlich überhaupt nie praktiziert …) In der Übergangsphase käme es sicher zu üblen Fehlentscheiden, aber wichtig ist die lange Sicht, in der dann eben auch gelernt würde, dass man nicht alles zugleich haben kann. Kinder fallen auch erst ein paar Mal beim Gehenlernen. Hoffnung auf eine Verbesserung auf der anderen Seite, nämlich bei den mehr und mehr nur noch per das Publikum verdummender Marketingmethoden konkurrierenden demokratischen Repräsentanten, habe ich nämlich keine.
Im Hinblick auf die Probleme Griechenlands denke ich ebenfalls, dass sie hier zu wenig von den Zusammenhängen ins Bild nehmen. Die griechische Staatsluderei wurde ermöglicht durch die plötzliche Möglichkeit zinsgünstiger Schuldenaufnahme nach dem Euro-Beitritt, aber sie wurde andererseits angetrieben durch die nach Wegfall der Wechselkurs-Anpassungsmöglichkeit noch gewachsene Konkurrenzunfähigkeit der griechischen Wirtschaft etwa gegenüber der deutschen Exportindustrie, die die griechische Politik natürlich (s.o.) in Richtung einer Schuldenfinanzierung der Ansprüche ihres “Bengels Volk” trieb. Auch hier hat man also systematisch Verantwortungslosigkeit gelehrt. Und die deutsche Politik dabei? Mit einer Währungsunion und niedrig gehaltenen Inlandslöhnen – die Aussicht vor Hartz IV hat bei Beschäftigten eine große Angst ausgelöst mit folgender Lohnzurückhaltung – die eigene Exportstärke zu erhöhen mag ja kurzfristig verlockend gewesen sein, aber wenn die Importländer dann bis über die Halskrause verschuldet sind, was nach dem geschilderten demokratisch-finanzwirtschaftlichen Mechanismus fast zwangsweise eintritt, dann zeigt man sich plötzlich naiv verwundert, dass da eine Defizitfinanzierung für “fremde” Staaten – die natürlich in einer Währungsunion eben nicht so mehr fremd sind – auf einen zukommt und schreit Zeter und Mordio über die “faulen Griechen”. Als ob unter demokratischen Verhältnissen eine Währungsunion ohne Transferunion je funktionieren könnte! Das Weltbild kommt mir ein bisschen so vor wie das jener nicht seltenen Mittelständler hierzulande, die in einem Satz verlangen, die Kunden sollten mehr kaufen, die eigenen Beschäftigten aber bitte schön weniger Lohn verlangen, nur eben aufs Außenwirtschaftliche/Europabinnenwirtschaftliche übertragen. Offenbar eine etwas zu enge Perspektive.
Mit freundlichen Grüßen,
Ausweiter
Perspektivisch zu eng? Ich habe mal zugespitzt. Es ärgert mich einfach, dass der Bürger sich immer so einfach herausreden kann. In diesem Fall eben der griechische Bürger.
Aber was tun? Also was könnte man ändern, damit sich dergleichen Verantwortungslosigkeit etwas verliert? Denn mit der Klage darüber, wie die Verhältnisse nun einmal sind, ist ja wenig gewonnen. Und ich hoffe nicht, dass sie etwa glauben, mit moralischen Ermahnungen allein eine anhaltende Läuterung bewirken zu können. Suche nach “den” Schuldigen bis hin zur Hexenjagd, das gibt’s gewiss immer. Spontane Bußfertigkeit bei manchem, aber was bewirkt die? – “Man lispelt mit dem Mündchen, / Man knickst und geht hinaus / Und mit dem neuen Sündchen / Löscht man das alte aus.”
Gruß von
Ausweiter
Es geht nicht um Ermahnungen an die Moral. Mir geht es mehr um Ermahnungen an den gesunden Menschenverstand, um es mal so auszudrücken. Und wie wollen Sie die Welt beeinflussen?
[...] Denkt man aber mal etwas weiter, so kommt man an einer Gemeinsamkeit nicht vorbei. Und dies ist nicht, dass Banker auf der einen und Plünderer und Krawallmacher auf der anderen Seite gleich gierig sind und es ihnen an Empathie fehlt. Nein, es ist die Tatsache dass beide Bevölkerungsgruppen seit Jahren von der britischen Politik als schützenswerte Gruppen verhätschelt werden. Es mangelte an Disziplin und Konsequenz gegenüber beiden doch so verschiedenen Minderheiten. Beide, Banker und Plünderer, wurden abhängig vom Staat. Und von Abhängigen ist keine Dankbarkeit zu erwarten. Stattdessen reagieren die Verhätschelten auf eine vorhersehbare Art und Weise. Wie übrigens auch jetzt und in der Vergangenheit große Teil des griechischen Volkes. [...]
Guten Tag Herr Wilhelm,
über Ihren Kommentar Nr. 199 zum Schieritz-Posting “Christian Wulff bricht die Verträge” im Herdentrieb kam ich zu Ihrem Blog.
ich teile Ihre Meinung: in Sachen Griechenland (wo jedes Wort heute noch genau so gilt wie vor über einem Jahr!), aber ganz besonders auch in Richtung auf das eigene Volk.
Beispiele für klientelistische Steuergeldverschwendung habe ich in meinen Blogs aufgezeigt unter anderem anhand des hiesigen Kliniken-Defizitunternehmens Ostallgäu-Kaufbeuren (http://kinicounty.blogspot.com/search/label/Kliniken_OAL-Kaufb.) oder am Flughafen Hof-Plauen (http://beltwild.blogspot.com/2011/05/steuergelder-klauen-fur-flughafen-hof.html). Interessiert aber kaum einen Hund: das Volk fängt immer erst dann an zu krakeelen, wenn man ihm seine Lollis wegnimmt.
Es gehört nicht zu meinen normalen Gepflogenheiten, meine Blogspalten mit fremder Leute Texten zu füllen (und bin auch keineswegs so ideenlos, dass ich das tun müsste). Weil mir aber Ihr Posting ausnehmend gut gefällt, würde ich den Text ausnahmsweise gern bei mir gelegentlich wieder abdrucken.
Da ich Ihre Mailadresse hier nicht sehe, bitte ich Sie auf diesem Weg um Zustimmung.
Meine Mailanschrift finden Sie in meinem Blog-Profil (http://www.blogger.com/profile/15886612960494544505).